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Goethes Faust:

Uraufführung in Braunschweig am 19. Januar 1829

Mit einer kleinen Ausstellung im Eingangsbereich möchte die Universitätsbibliothek Braunschweig an die Uraufführung von Goethes Faust im Opernhaus am Hagenmarkt erinnern, die sich 2004 zum 175. Mal jährt. Die deutsche Erstinszenierung des Faust ist, neben der von Lessings Emilia Galotti im Jahr 1772, zweifellos das bedeutsamste Ereignis der Braunschweiger Theatergeschichte. Sie ist ein besonderer Glanzpunkt in der Schlussphase des alten Braunschweiger Theaters, das 1861 geschlossen und durch den noch heute existierenden Neubau am Steinweg ersetzt wurde.

Goethes berühmtes Werk war schon über zwanzig Jahre alt, als es am 19. Januar 1829 im alten Opernhaus am Hagenmarkt zu Braunschweig uraufgeführt wurde. Eine vollständige Fassung des heute als Faust I bekannten ersten Teils wurde bereits 1808 publiziert. Für Goethe selbst war das Stück ein nur bedingt für die Bühne geeignetes Ideendrama, und in der Tat galt es in der ersten Zeit nach seiner Veröffentlichung zunächst als unspielbar. Nach einer privaten Aufführung in Berlin (1819) sowie ersten Versuchen in London (Drury Lane Theatre, 1825) und Paris (1828) wagte sich schließlich der Braunschweiger Theaterdirektor Ernst August Klingemann (1777-1831) an die Aufgabe, das kosmische Drama des Faust in eine für das hiesige Theaterpublikum verständliche Form zu bringen. Klingemann hatte als Dramatiker und Theaterkritiker begonnen und mit dem anonym publizierten Roman Die Nachtwachen des Bonaventura (1804) eines der Hauptwerke der spätklassischen Satire verfasst. Daneben hatte er eine eigene Fassung des Faust geschrieben, die 1811 in Breslau uraufgeführt wurde. Seit 1813 war Klingemann hauptamtlicher Regisseur, und die Faust-Inszenierung sollte der Höhepunkt seiner Laufbahn werden. 

Der originale Theaterzettel, der als freundliche Leihgabe des Braunschweiger Staatstheaters in der Ausstellung der Universitätsbibliothek zu sehen ist, legt ein anschauliches Zeugnis von der Braunschweiger Uraufführung ab. Zunächst nahm Klingemann radikale Kürzungen an seiner Vorlage vor. Einige technisch nicht realisierbare Szenen, wie etwa die berühmte Walpurgisnachtszene, strich er ganz; der übrige Text wurde gerafft und der Fokus weg vom philosophischen Überbau und hin zu Handlung und Charakteren verlagert. Nach den Kürzungen aber stand dem Braunschweiger Publikum immer noch ein gut fünfstündiger Theaterabend bevor. Klingemann verfolgte bei Bühnenbild und Kostümen einen dezent archaisierenden, teilweise auf älteren deutschen Folkloretraditionen basierenden Ansatz. Die Rolle des Faust übernahm der versierte Mime Eduard Schütz; als Mephisto konnte Klingemann mit Heinrich Marr den vielleicht berühmtesten Schauspieler der damaligen Zeit gewinnen. Der Braunschweiger Faust wurde nach der Premiere fester Bestandteil des Repertoires, allerdings nicht mehr unter Klingemanns Ägide. Grund hierfür waren nicht das Publikum oder die Rezensenten: die Braunschweiger nahmen das Stück geradezu euphorisch auf, und auch das Mitternachtsblatt und die Dresdener-Abend-Zeitung waren angetan von Klingemanns Inszenierung - wenn sie auch die Bedeutung und Tragweite seines Unterfangens nicht erkannten. Der Regisseur selbst hatte sich mit dem autokratisch regierenden, nicht immer geschmackssicheren Herzog Karl II überworfen und mußte seine Tätigkeit am hiesigen Theater beenden.

Klingemann wurde bald von seinen Pflichten als Theaterdirektor entbunden und bekam das Angebot einer Professur am Collegium Carolinum, das er aber nicht annahm. Er starb 1831, nur zwei Jahre nach seiner epochalen Faust-Inszenierung. Unterdessen war der Faust mehrfach in Deutschland inszeniert worden. Noch 1829 gab es Aufführungen nicht nur in Goethes Weimar, sondern u.a. auch in Dresden und Hannover. Das gesamte Stück freilich, inklusive des posthum 1832 veröffentlichten zweiten Teils, gelangte erst 1876 in Weimar zur Aufführung – übrigens der erste Weimarer Faust seit 1829. Dessen ungeachtet gebührt Braunschweig die Ehre, Schauplatz der ersten deutschen Aufführung des wohl wichtigsten Dramas der deutschen Literatur an einer öffentlichen Bühne gewesen zu sein.    


Die Ausstellung ist während der allgemeinen Öffnungszeiten zu besichtigen.
 


© Universitätsbibliothek Braunschweig, Matthias Evers, 24.10.2003 ub@tu-bs.de