TU BRAUNSCHWEIG
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Agnes Pockels

 

 


 

Die Ausstellung ist während der allgemeinen Öffnungszeiten in der
Chemiebibliothek, Hagenring 30,
zu  besichtigen

 

 

 

 

 



Agnes Pockels - Erste Ehrendoktorin der TH/TU Braunschweig

Agnes Pockels hat zu einer Zeit naturwissenschaftlich-experimentell geforscht und Pionierarbeit für ein Fachgebiet geleistet, als dies für eine Frau – nicht nur im Deutschen Reich – völlig ungewöhnlich war. Sie musste sich dazu die erforderlichen theoretischen Kenntnisse (z. B. der Höheren Mathematik) autodidaktisch mit Hilfe von Lehrbüchern oder auch im Gedankenaustausch mit ihrem jüngeren Bruder Friedrich aneignen. Friedrich Pockels (1865 – 1913) studierte u. a. in Göttingen Physik, wo er sich auch für dieses Fach habilitierte. Ihr blieben dagegen Abitur und Studium versagt. Die deutschen Hochschulen öffneten sich recht spät der Immatrikulation von Frauen. Agnes Pockels war bereits 47 Jahre alt, als die erste reguläre Studentin der TH Braunschweig (die Pharmazeutin Ilse Rüder) 1909 ihr Studium begann.

Agnes Pockels hat dagegen seit 1880/81 in ihrer häuslichen Umgebung, in der Küche, mit ausgeprägtem Interesse für physikalische Phänomene und außerordentlichem experimentellen Geschick geforscht. Sie entwickelte eine Messapparatur, um reine Oberflächen und Schichten auf Wasser zu erzeugen und um die Oberflächenspannung zu messen: Eine Schieberinne in Verbindung mit einem eintauchenden Gewicht und einer Waage. Dies ist der Pockelssche Trog, der heute als Langmuir-Pockels-Filmwaage bekannt ist. Sie wird leider in der Fachliteratur oft lediglich Langmuir-Waage genannt, nach Irving Langmuir (1881 – 1957), der 1917 die Apparatur von Agnes Pockels verbesserte.

Anfang 1891 teilte sie ihre Beobachtungen und Messergebnisse dem bereits berühmten Physiker Lord Rayleigh (John William Strutt, 3rd Baron Rayleigh, 1842 – 1919) in einem ausführlichen Brief mit, da dieser kurz zuvor über ähnliche Versuche publiziert hatte. Lord Rayleigh erkannte sogleich den wissenschaftlichen Wert ihrer Arbeiten und unterstützte die Publikation: Im März 1891 erschien ihr Brief in englischer Übersetzung und mit einer kurzen Einleitung von Rayleigh in der Zeitschrift Nature unter dem Titel Surface Tension. Bis 1894 folgten drei weitere Arbeiten in Nature, später veröffentlichte sie u.a. in den Annalen der Physik und in der Physikalischen Zeitschrift.

Agnes Pockels setzte ihre experimentellen Forschungen auch später fort. Aber durch ihre häuslichen Verpflichtungen, die Pflege ihrer kranken Eltern, war die dafür zur Verfügung stehende Zeit sehr begrenzt. Nach dem Tod ihres Bruders 1913 und nachdem sich auch ihr eigener Gesundheitszustand verschlechterte, zog sie sich allmählich aus der wissenschaftlichen Arbeit zurück und publizierte nach dem ersten Weltkrieg wenig.

Ihre Forschungsleistungen wurden erst spät in ausreichendem Maß gewürdigt. Aber es war Agnes Pockels noch vergönnt, anlässlich ihres 70. Geburtstages zwei besondere wissenschaftliche Auszeichnungen entgegen nehmen zu können.

Dies war zunächst der Laura R. Leonard-Preis des Jahres 1931, die höchste Auszeichnung der Kolloid-Gesellschaft. Er wurde ihr für die „Quantitative Erforschung der Eigenschaften von Grenzschichten und Grenzschichtfilmen“ verliehen. Der Physikochemiker Wolfgang Ostwald (1883 - 1943), der damalige Vorsitzende der Kolloid-Gesellschaft, berichtete unter dem Titel Die Arbeiten von Agnes Pockels über Grenzschichten und Filme im Januarheft des Jahres 1932 der Kolloid-Zeitschrift über ihre Leistungen. Sein Beitrag schließt mit einer Glückwunschadresse an die "Forscherin, die uns gelehrt hat, Sauberkeiten nicht nur herzustellen, sondern sogar zu messen, - die uns die heute noch grundlegende experimentelle Methodik geschenkt hat für die quantitative Untersuchung von Grenzschicht-Filmen, - die auch in theoretischer Hinsicht ihren Zeitgenossen voraus Ausblicke gegeben hat, deren Wert wir erst heute erkennen…" Wolfgang Ostwald besuchte sie am 14. Februar 1932, ihrem 70. Geburtstag, um den Preis persönlich zu übergeben.

Die bevorstehende Preisverleihung und angekündigte Würdigung ihrer Lebensleistung durch Wolfgang Ostwald gaben wohl den Anstoß dafür, dass die Abteilung für Mathematik und Physik an den Rektor der TH Braunschweig den Antrag stellte, Agnes Pockels die Würde eines Doktor-Ingenieurs ehrenhalber zu verleihen. Die Urkunde wurde ihr am Vortag ihres 70. Geburtstages "in Anerkennung ihrer grundlegenden Arbeiten zur Erforschung der Eigenschaften von Oberflächen und Grenzschichten" überreicht. Sie war die erste Ehrendoktorin an einer Technischen Hochschule in Deutschland überhaupt und bis zum Jahr 2007 die einzige an der TH/TU Braunschweig.


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[i] zuletzt aktualisiert: 24.07.2012
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